Die Bayerwaldgrenadiere im Gefecht

Das Panzergrenadierbataillon 112 übt im Gefechtsübungszentrum in der Letzlinger Heide nahe Magdeburg.

6:45 Uhr, das Morgenlicht erfüllt mit den ersten Sonnenstrahlen das Waldstück in dem das Panzergrenadierbataillon 112 seinen Verfügungsraum bezogen hat. Die Stille des Morgens wird plötzlich von lauten Motorengeräuschen unterbrochen. Motoren an! Schützenpanzer und Kampfpanzer werfen ihre Motoren an. Der Kommandant eines Schützenpanzer PUMA blickt nochmal zurück auf seine Besatzung, sechs Panzergrenadiere im hinteren Kampfraum sitzen dort eng an eng, ein zustimmendes Nicken, ein letzter Blick auf die Armbanduhr, denn in wenigen Minuten beginnt der Angriff. Durch den Panzerstahl spürt man das Vibrieren von Laufketten, welche sich bereits in Bewegung gesetzt haben.
Im Gefechtsstand herrscht derweil Stille, fast andächtig. Unterbrochen von der Stimme des stellvertretenden Bataillonskommandeurs: „Vierte Kompanie rollt – noch 40 Minuten bis zur Ablauflinie!“
Für das Panzergrenadierbataillon 112 stellt der Aufenthalt im Gefechtsübungszentrum in Gardelegen in Sachsen-Anhalt den Höhepunkt in einer Ausbildungsserie dar, welche bereits seit Übernahme des Bataillons durch Oberstleutnant Sean Papendorf Ende 2024 begonnen hat. Dabei wurden für dieses Übungsvorhaben die Bayerwaldgrenadiere aus Regen mit Panzerzügen aus Pfreimd, Pionieren aus Bogen und Ingolstadt, Artilleristen aus Weiden, Instandsetzungspersonal aus Roding, Sanitätskräfte aus Regen, Feldkirchen und Stetten, sowie Kräfte der taktischen Direktkommunikation und der Feldjäger verstärkt. Alles in allem ein Gefechtsverband aus knapp 1000 Soldatinnen und Soldaten, die in den letzten vier Wochen zusammen das hochintensive Gefecht geübt haben – zunächst in der Operationsart Angriff und abschließend in einer kräftezehrenden Verteidigung.
Fernab vom Verfügungsraum in 15 Kilometer Entfernung im Angriffsziel des Bataillons ist das Heulen der über 1000 PS starken Triebwerke kaum wahrnehmbar, doch trotzdem hört man hin und wieder ein leises Surren. Die Aufklärungskräfte des Bataillons sind bereits lange vor dem Angriffsbeginn im Operationsraum. Sie lassen Drohnen kreisen, welche bereits wichtige Informationen sammeln. Erste Feindmeldungen erreichen den Gefechtsstand. Der Feind liegt in Stellung im Zuge der Gewässerübergängen und auf den Höhen nördlich davon. Zielpunkte für das Steilfeuer der Artillerie sind übermittelt, die Feuereinheiten abgerufen und wenige Minuten später wird der Feind bereits mit Feuer bewirkt. Erste Ausfälle beim Feind – das Bataillon rollt weiter. Immer noch Funkstille, um den Angriff nicht zu verraten, denn Funk kann abgehört werden.
Was die Bayerwaldgrenadiere üben ist das Gefecht der Verbundenen Waffen. Es bezeichnet, dass verschiedenste Fähigkeiten einer Brigade des Heeres vereint werden, um zusammen zu operieren, denn auch wenn Panzerverbände mit ihren Stahlkolossen scheinbar den Boden dominieren, geht doch ein Großteil der Waffenwirkung auf die Artillerie zurück. Gleichzeitig werden Fähigkeiten gebraucht, welche eigene Bewegungen fördern und feindliche Bewegungen hemmen. Hier kommen die Pioniere zur Wirkung. Sie räumen feindliche Sperren und bringen eigene aus, schaffen Übergänge über Gewässer und schieben Stellungen.
Als der erste Panzer aus einem Waldstück herausbricht beginnt das Bataillon sich zu entfalten und prescht in Sturmfahrt über die Heide. Staubwolken winden sich empor. Die Funkstille ist gebrochen und der Kommandeur des Bataillons gibt eine kurze Lageinformation: „Edelweiß an alle: Feind verteidigt mit zwei Zügen nebeneinander im Zuge der Gewässerübergänge, sowie mit einer Kompanie auf der Höhenschwelle. Panzergrenadierbataillon 112 hat mit ersten Kräften die Ablauflinie überschritten und greift weiter an. Absicht unverändert! Angriff! Kommen!“
Minuten später erreichen die ersten Schützenpanzer PUMA den Raum am Flusslauf. Zwei Kampfpanzer Leopard schieben sich in Stellung mit Blick auf die Brücke und den Straßenverlauf dahinter. Erster Feuerkampf! Ein feindlicher Panzer weicht unter Einsatz seines Bordnebels in die Tiefe des Waldes aus. Gleichzeitig preschen vier PUMAs heran, brechen rechts in den Wald ein. Dort wo noch gerade zarte Birken standen, steht jetzt ein Schützenpanzer, öffnet die Heckklappe und die Panzergrenadiere sitzen unter dem massiven Feuer der 30mm Bordmaschinenkanone ab. Unter der Überwachung der Kampfpanzer geht es im Schulterschluss zügig weiter. Plötzlich Maschinengewehrfeuer. Der Feind hat den Gewässerübergang mit abgesessenen Kräften besetzt, eine Sperre aus Stacheldraht errichtet. Unter Einsatz von aller Waffen schießen sich die Bayerwaldgrenadiere weiter heran an den Übergang. Ein Sprengrohr der Pioniere öffnet den Stacheldraht mit einem Knall und die ersten eigenen Kräfte sind bereits jenseits des Gewässers und kämpfen Feind in nächster Nähe mit dem Sturmgewehr nieder. Die restlichen Gegner weichen aus. Sofortiges Nachstoßen! Dem Feind keine Pause gönnen – den Angriffsschwung aufrecht erhalten.
Das Szenario hört sich heroisch an, doch nicht jeder Angriff des Bataillons war von Beginn an mit Erfolg gekrönt. So gab es auch immer wieder Situationen wo das Bataillon Lehrgeld bezahlen musste, denn im Gelände stand Truppe des Gefechtsübungszentrums gegenüber, die einen schnellen Stoß des Bataillons zu verhindern wussten. Die Waffenwirkung wurde dabei simuliert, denn jedes Fahrzeug wurde mit Prismen und Lasern ausgestattet. Vergleichbar mit „LaserTag“, nur für Panzer. Wer getroffen wird und dadurch ausfällt, erhält ein Signal, gleichzeitig fängt der Panzer auf allen Seiten an zu blinken, sodass es von außen erkennbar ist, wer getroffen wurde und nicht mehr „mitspielen“ darf. Doch so einfach wie in LaserTag, dass man sich während des Spiels „wiederbeleben“ kann ist es im Gefechtsübungszentrum nicht. Denn mit dem Ausfall eines Fahrzeuges beginnt die Arbeit der Sanitäter, der Bergekräfte und der Instandsetzer, denn auch jeder einzelne Soldat ist mit dem System eingerüstet, dieses zeigt über einen Bildschirm an, welche Verwundungsmuster er hat. Entsprechend muss er durch die Sanitätskräfte abtransportiert und behandelt werden. Das Schadfahrzeug wird anschließend geborgen und der Instandsetzung zugeführt, sodass es schnellstmöglich wieder zur Verfügung steht.
Der Angriff hat schließlich sein Ziel erreicht. Die Feindkräfte wurden zerschlagen, Gegenstöße abgewehrt, das Bataillon steht in Stellung, ordnet sich neu und geht über in die Konsolidierung. Dabei werden Stellungen gehärtet, die Fahrzeuge aufgetankt, nachmunitioniert, die Soldatinnen und Soldaten mit Wasser und Verpflegung versorgt. Gleichzeitig müssen Flüchtlingsströme koordiniert und gelenkt sowie Kriegsgefangene aufgenommen werden. Für den Einzelnen ist die schiere Masse an Aufträgen und Lagen kaum zu überblicken. Dafür hat ein Bataillon Gefechtsstände, welche im Schichtbetrieb arbeiten und das Gefecht koordinieren. Mit Hilfe der Fernmelder des Bataillons besteht stets und ständig eine Funk- und Datenverbindung mit allen Kräften im Gefecht.
Für die Bayerwaldgrenadiere war es ein erfolgreicher Aufenthalt in Gardelegen. Man konnte sich im realen Gelände, mit seinem Großgerät gegen richtigen Gegner beüben und behaupten. Vieles was das Bataillon auch in den vergangenen Monaten an Abläufen sich erarbeitet hat, konnte bestätigt werden. Trotzdem, die Bayerwaldgrenadiere sind nicht in das Gefechtsübungszentrum gefahren, um zu beweisen, dass sie alles können, sondern um zu üben. Entsprechend gibt es immer noch Dinge, die verbesserungswürdig sind. Das Bataillon hat seine Lehren gezogen und wird dort ansetzen, wo es vielleicht noch nicht so gut geklappt hat, damit im nächsten Durchgang im Jahr 2030 neu angegriffen werden kann.
Dran – Drauf – Drüber – Horrido.

Quelle: SebS. – Bundeswehr
Bild: RZ -Bundeswehr

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